Deutschlands Industrie steckt in der Dauerkrise
Die deutsche Industrie verliert derzeit jeden Monat rund 15.000 Arbeitsplätze. Diese Zahl nannte die Hauptgeschäftsführerin des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Tanja Gönner, in einem dpa-Interview. Ihre Diagnose fällt unmissverständlich aus: „Die Lage der Industrie ist kritisch.“
Der Verband, der nach eigenen Angaben rund 100.000 große, mittlere und kleine Unternehmen mit zusammen mehr als acht Millionen Beschäftigten vertritt, bestätigt damit offiziell, was viele Beobachter seit Jahren als schleichende Deindustrialisierung Deutschlands beschreiben. Zugleich bemühte sich Gönner, dem Befund eine positive Perspektive entgegenzusetzen. Der Prozess sei aufhaltbar: „Ich bin überzeugt: Wenn wir unsere Hausaufgaben machen, haben wir wieder alle Chancen. Innovation steht bei vielen Unternehmen längst ganz oben auf der Agenda.“
Vor allem die hohe Kostenbelastung am Standort Deutschland – teure Energie, hohe Lohn- und Bürokratiekosten sowie eine wachsende Steuer- und Abgabenlast – sorgt dafür, dass Unternehmen zunehmend zu Personaleinsparungen greifen und Stellen abbauen. Wie tief der Einschnitt bereits reicht, zeigen die Zahlen der vergangenen Jahre. Nach einer Auswertung der Beratungsgesellschaft EY auf Basis von Daten des Statistischen Bundesamts baute die deutsche Industrie allein im Jahr 2025 rund 124.100 Arbeitsplätze ab. Das ist ein Minus von 2,3 Prozent und entspricht damit fast doppelt so vielen Stellen wie im Jahr 2024. Seit dem Vorkrisenjahr 2019 gingen rund 266.000 Industriearbeitsplätze verloren.
Besonders schwer wiegt jedoch, dass sich der Stellenabbau längst nicht mehr auf die Industrie beschränkt. Im ersten Quartal 2026 sank die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nach Angaben des Statistischen Bundesamts branchenübergreifend. Gegenüber dem Vorjahresquartal fehlten insgesamt 157.000 Beschäftigte. Im Vergleich zum vierten Quartal 2025 ging die Beschäftigung sogar um 486.000 Personen zurück.
Der Stellenabbau ist dabei nur die sichtbare Hälfte des Problems. Mindestens ebenso schwer wiegt das, was nicht mehr geschieht: Frei werdende Stellen werden nicht nachbesetzt, Neueinstellungen bleiben zunehmend aus. Das ifo-Institut beschreibt dieses Muster bereits seit Jahren. „Die Unternehmen besetzen eher Stellen nicht neu, als dass sie Mitarbeiter entlassen“, erklärte ifo-Umfragechef Klaus Wohlrabe bereits vor zwei Jahren in einer Stellungnahme. Die Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt vollziehen sich damit zu großen Teilen lautlos.
Auch eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass viele Unternehmen darauf verzichten, frei werdende Stellen neu zu besetzen. Demnach geht die Zahl der Neueinstellungen deutlich stärker zurück als die der beendeten Beschäftigungsverhältnisse. „Die zurückgehenden Neueinstellungen sind ein Warnsignal für die künftige Beschäftigungsentwicklung“, sagte Luisa Kunze, Arbeitsmarktexpertin der Bertelsmann Stiftung.
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